Seite 36 - Diakonie in Gemeinschaft

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Entwicklung bis
zum 2. Weltkrieg
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ten, dass bereits bei einer Schwesternzahl
von 400 nur mit besonderer Mühe ein
geordneter Betrieb aufrecht erhalten wer-
den könne, der allen Schwestern gerecht
werde. Die Stuttgarter Anstalt hatte zu
dieser Zeit bereits die Zahl von 800 über-
schritten.
Im Jahr 1906 unterbreitete der Indus-
trielle Paul Lechler, ein christlicher Wohl-
täter auf vielen Gebieten und Mitglied des
Verwaltungsrats, den Vorschlag, in Ulm
eine Filialanstalt einzurichten. Für seine
Idee, die der Leitung Entlastung und den
einzelnen Schwester eine intensivere fach-
liche und spirituelle Begleitung bringen
sollte, konnte Lechler etliche Unterstützer
gewinnen, auch aus dem Kreis des Verwal-
tungsrats.
In der Mutterhausleitung stieß der Vor-
schlag auf wenig Begeisterung und wurde
nach langen Diskussionen verworfen. Obe-
rin von Taubenheim und Probemeisterin
Maria Yelin sahen als die Verantwortlichen
für die schwesterliche Gemeinschaft darin
eine Kritik an ihrer bisherigen Arbeit formu-
liert. Sie befürchteten finanzielle Risiken
und Unruhe durch interne Konkurrenzen
oder gar mögliche Unabhängigkeitsbestre-
bungen der Filialanstalt – also insgesamt
eine Schwächung des Werkes.
Die Tendenz in der deutschen Mutter-
hausdiakonie ging allgemein dahin, dass
wenige große Anstalten mit mobilen und
zentral dirigierten „Schwesternscharen“
den Markt beherrschten. Die Mehrzahl des
Nachwuchses strömte den großen alten
Häusern zu, wo Ausbildung und Arbeitsbe-
dingungen bereits einen guten Ruf hatten.
Auch die Stuttgarter Diakonissenanstalt
war motiviert, das große, in der Region
Profil der Anstalt:
Entwicklungen
Noch bis in die 50er
Jahre war die
Schwesternschaft
sehr groß. Hier bei
der Beerdigung der
Oberin Martha
Jetter, 1959
A
Anwachsen der Anstalt: Filialen?
Die Diakonissenanstalt hat sich mit den
gesellschaftlichen Veränderungen im Lauf
der Jahrzehnte weiterentwickelt. Pionier-
arbeit ging in etablierte Institutionen über,
neue Aufgabenbereiche sind mit den An-
forderungen der jeweiligen Zeit dazuge-
kommen und das Dienstverständnis der
Diakonissen war ständig neuen Prüfungen
ausgesetzt.
Zunächst war es der Erfolg der Anstalt,
der den Verantwortlichen immer wieder
Kopfzerbrechen machte. Nach 25 Jahren,
1879, hatte sich die Stuttgarter Diakonis-
senanstalt, nach Kaiserswerth zum größten
Mutterhaus in Deutschland entwickelt.
Immer mehr Krankenhäuser, Gemeinden
und Heime baten um Schwestern, und man
wollte niemanden abweisen – nicht zuletzt,
um möglichst wenig Terrain den nicht-
christlichen Pflegeverbänden zu überlassen.
Das immense Wachstum der Stuttgar-
ter Diakonissenanstalt als Berufsverband
ließ zu Beginn des 20. Jahrhunderts die
Frage aufkommen, ob auch die damit ver-
bundene Lebensgemeinschaft unbegrenzt
groß werden könne, ohne Schaden zu neh-
men. Kenner des Diakonissenwesens warn-