Seite 35 - Diakonie in Gemeinschaft

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für andere, ist schwer zu greifen. Vereinzelt
haben Diakonissen geschrieben – Andach-
ten, Texte mit religiösem Inhalt, Alltags-
geschichten, auch Gedichte, in denen sie
ihre Erfahrungen verarbeiteten und ihrer
ganz eigenen Spiritualität eine Sprache
verliehen. Die Probemeisterin Maria Yelin
(1847–1920) zum Beispiel verfasste etliche
Gedichte und Lieder, die zu einem wichti-
gen Bestandteil des spirituellen Lebens der
Gemeinschaft wurden. Eine weitere Autorin
war die Diakonisse Barbara Brendle
(1871–1936). Eine langwierige Krankheit
hatte sie 1920 zum Rückzug aus dem akti-
ven Dienst gezwungen. Von ihrem Kranken-
lager aus begann sie, Andachten und Erzäh-
lungen aus dem Diakonissenberuf zu
schreiben. Vieles davon wurde gedruckt
und erhielt mehrere Auflagen. Ihr eigenes
Leiden hatte ihr einen besonderen Zugang
zum Leid der Patienten und Pfleglinge eröff-
net, den sie der Arbeit ihrer Mitschwestern
zugute kommen lassen wollte.
Der geistliche Gehalt des Dienstes fand
nicht nur in solchen Texten Ausdruck, son-
dern auch in den Erzählungen der älteren
Diakonissen. Bei den Feierlichkeiten anläss-
lich der Schwesternjubiläen war es Brauch,
dass die Jubilarinnen aus ihrem Berufs-
leben erzählten. Diese anrührenden, oft
amüsanten, meist auch belehrenden Ge-
schichten gingen ein in das gemeinsame
Bewusstsein der Schwesternschaft.
Mit ihrer Arbeit haben Diakonissen von
Generation zu Generation ein Berufsethos
entwickelt, das sich aus der aktuellen
Lebensorientierung immer wieder neu
formt. Die spezifischen Erfahrungen der
Schwestern haben gemeinsame Erinne-
rungshorizonte erschlossen. Daraus ent-
wickelte sich eine Tradition der Weitergabe
von Erfahrungen, die das Selbstverständnis
der Einzelnen, der Schwesternschaft, aber
auch der gesamten Anstalt beeinflussten.
In diesem Sinn kann von einer gewachse-
nen Schwesternkultur gesprochen werden,
die der Lebensform der Diakonisse Halt
gegeben hat.
Die seelsorgerlichen
Rundbriefe von Pfarrer
Karl Hoffmann an die
Schwestern wurden
nach seinem Tod
gedruckt und in Buch-
form herausgegeben.
Bei den Diakonissen
waren sie beliebt und
wurden liebevoll „Hoff-
mannstropfen“ genannt.
Gedichtband und
Gedicht der
Probemeisterin
Maria Yelin
Wilhelm Löhe (1808–1872),
der Gründer des Neuendet-
telsauer Diakonissenmutter-
hauses schrieb diesen
Spruch in das Poesiealbum
einer Diakonisse. Als man
ihn nach seinem Tod in
den dortigen Anstaltsblät-
tern veröffentlichte, wurde
er rasch bekannt und
zum Diakonissenspruch
schlechthin.