Seite 34 - Diakonie in Gemeinschaft

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Entwicklung bis
zum 2. Weltkrieg
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Immer wieder musste sich die Mutter-
hausdiakonie gegen eine grundsätzliche
Kritik behaupten, um die Vorbehalte gegen
den Diakonissenberuf zu zerstreuen Dem
Mutterhaus war daran gelegen, Raum für
eine Berufsidentität zu schaffen, die die
Qualität der Arbeit sichern und darüber
hinaus den Schwestern ein gewisses An-
sehen für ihre Berufsrolle gewährleisten
sollte, die man auch im Hinblick auf den
Nachwuchs als akzeptable Lebensform
etablieren wollte.
In den „Blättern aus dem Diakonissen-
haus“ widmeten sich regelmäßig Beiträge
den Vorzügen des Berufes. Neben Artikeln
von Theologen in Predigtform finden sich
auch Beiträge von Schwestern. In Artikeln,
Briefen und Gedichten berichten sie von
ihren Erlebnissen, preisen die „Hingabe an
den Dienst“ und die „Freudigkeit im Beruf“.
Wenngleich die Beiträge in öffentlichkeits-
wirksamem werbenden Ton gehalten sind,
bringen hier Frauen eigene Aspekte aus
ihrer Erfahrung im Diakonissenberuf ein.
Spiritualität und Schwesternkultur
Das wichtigste Motiv, den Beruf einer Dia-
konisse zu ergreifen, stellte für die Schwes-
tern zweifellos ihr christlicher Glaube dar.
Als oft einzige Kraft, die ihren entbehrungs-
reichen Berufsalltag „veredeln“ konnte,
wurde der Glaube in der Gemeinschaft
lebendig gehalten, gepflegt und gefördert.
Andacht, Gebet und Gesang hatten einen
festen Platz im Tageslauf der Schwestern.
Theologische Begleitung erhielten sie von
den Pfarrern und Predigern im Haus sowie
durch die Schriften einschlägiger Vordenker
wie Theodor Fliedner und Wilhelm Löhe.
Auch die Berufsordnung bot Orientierung
und Halt für den Glauben der einzelnen
Schwester. Doch der Diakonissenberuf ist
nicht innerhalb des Rahmens, der in der
Berufsordnung formuliert wurde, stehen
geblieben. Er hat sich in der alltäglichen
Praxis der Schwestern weiterentwickelt.
Dort wurde das „Diakonisse-Sein“ gelebt,
praktisch und spirituell vorangetrieben. Die
ganze Haltung im Dienst war vom Glauben
durchdrungen.
Der spirituelle Gehalt von Dienst und
Arbeit, von Hegen und Pflegen und Dasein
Wo diese Weihe dem Berufe fehlte,
da wäre derselbe eine schwere Last,
ein harter Dienst ohne Lohn, eine Pein,
die niederdrückte. Wo aber die Liebe
Christi dringet, wo sie die treibende
Kraft ist, wo es heißt: für einen ew´gen
Kranz mein armes Leben ganz, da ist
der Beruf ein köstlich Tun, eine reich
gesegnete Arbeit, die eine innere
Befriedigung gewährt, wie kaum ein
anderer Lebensberuf.
Blätter aus dem Diakonissenhaus,
1889/90, S.21f.
Unser liebes Kirchlein ist schon
vielen eine rechte Segensstätte
geworden. Die schönen Gottes-
dienste wirkten auch vorbildlich.
Manches, was jetzt in den Stadt-
kirchen, sich als schöne kirchliche
Sitte eingebürgert hat, war hier
vorher eingeführt worden. Es sei
nur erinnert an die liturgische
Christfeier... Auch die Totenfeier
am letzten Sonntag des Kirchen-
jahrs, sowie die Passionsandach-
ten in der Fastenzeit und Kar-
woche sind zuerst in unserem
Kirchlein gehalten worden.
Festschrift 1904/1929, S. 26f.
Die Diakonissen-
kirche, das
spirituelle Zentrum
der Schwestern-
schaft